Vom Allgäu nach Amerika

Es steht mir nicht zu den Papst zu kritisieren. Doch als Johannes Paul II. die „schwäbische Heimat“des Pater Seelos als „Mutterboden seines Glaubens“ bezeichnete, waren die Landsleute wohl nicht einverstanden. Denn in Füssen leben Allgäuer und keine Schwaben. Erstere werden es dem Papst verziehen haben. Im Jahr 2000 sprach er einen von ihnen selig: den Redemptoristen Pater Franz Xaver Seelos.
Sein Lebensweg begann 1819 in der Stadt am Lech. Der begabte Sohn eines armen Webers wolltePriester werden. Er studierte in München Theologie und entschied sich dafür, mit den Redemptoristenals Seelsorger bei den Einwanderern in den USA zu wirken. 1843 setzte er über den großen Teich.Seine Heimatstadt sah er nie mehr.
Ein Jahr später empfing er in Baltimore die Priesterweihe. Er wurde Seelsorger für die kleinen Leute.Er wusste, was es heißt, arm zu sein, und um diese Menschen nahm er sich an. Er wirkte als Vikar in Pittsburgh, später an verschiedenen Orten als Pfarrer, Superior, Missionar und Novizenmeister. 1866 wurde er nach New Orleans versetzt. Als in der Stadt das Gelbfieber ausbrach, besuchte er unermüdlich die Kranken, steckte sich selbst an und starb am 4. Oktober 1867. Sein Grab wurde bald
zur Zufluchtsstätte der Menschen. Jetzt, 150 Jahre nach seinem Sterben, fahre ich nach Füssen, an seinen Geburtsort. Wie stark ist der Selige im Bewusstsein der Christen? Ich treffe den Diakon Alfred Hofmann. Er sei Spezialist in „Sachen Seelos“, erfuhr ich im Pfarramt von St. Mang.In der Stadt, überragt vom Schloss, in dem die Augsburger Bischöfe residierten, daneben die ehemalige Benediktiner Abtei, ist Vieles noch so, wie es Franz Xaver Seelos als Kind erlebte. Diakon Hofmann geht mit mir die Wege ab. Er zeigt mir das Geburtshaus, geht mit mir den Schulweg des Buben

Pilger vor Geburtshaus des seligen Paters
Franz Xaver Seelos in Füssen

In der barocken Kirche St. Mang wirkte der Vater von Franz Xaver ab 1830 als Mesner, der Sohn ministrierte. Als wir die Sakristei betreten, weist mich der Diakon auf ein Vortrage-Kreuz hin. In die Mitte des Stabes ist eine Reliquie des Seligen eingearbeitet.
Diakon Hofmann ist ganz für die Person des Pater Seelos eingenommen. „Er war ein großer,begeisterter Redemptorist“, betont er. Er nennt ihn den „fröhlichen Asketen“, weil er bei aller Strenge zu sich Freude und Zuversicht ausstrahlte. Bei der Seligsprechung von Franz Xaver Seelos in Rom war der Diakon mit der Abordnung aus Füssen dabei. Er besuchte auch New Orleans, wo die Reliquien des Seligen verehrt werden. Er sah die Gedächtnisstätte, die Ausstellung und bewunderte die bildlichen Darstellungen. Am meisten beeindruckte ihn eine Bank, auf der eine lebensgroße Figur
des Seligen saß. Er konnte sich neben sie setzen und sprach mit ihm in seinem Allgäuer Dialekt.Diesen versteht Pater Seelos bis heute.
In der Pfarrkirche St. Mang, der ehemaligen Benediktiner-Klosterkirche, zeigt mir Alfred Hofmann die Gedenkstätte. Früher war sie an dem Seitenaltar gleich neben dem Eingang platziert. Aber da war es zu unruhig. Jetzt wurde sie nach hinten verlegt. Blaue und gelbe Glasplatten verströmen eine ruhige Atmosphäre. In der Mitte ein Portrait des Seligen, Kerzen brennen daneben. Leute bleiben davor sitzen, schreiben ihre Anliegen auf und werfen sie in einen Kasten.Diakon Hofmann berichtet: Einmal im Jahr wird geleert. Auf den Zetteln kommt alles zur Sprache, was die Menschen bedrückt: Krankheit, Verlassenheit, Drogensucht und Tod. Aus den Zetteln formuliert
der Diakon dann Fürbitten, die im Gottesdienst vorgetragen werden.

Gedenkstätte des Seligen in der Pfarrkirche von St. Mang. Hier finden
die Menschen zur Ruhe.

Er selbst ist der eifrigste Verehrer und Förderer des Seligen. Er hat einen Vortrag mit Bildern zusammengestellt. Mit diesem reist er in die Pfarreien der Umgebung von Füssen. Auch in Tirol hat er seinen berühmten Landsmann bekannt gemacht.
Von Zeit zu Zeit besuchen Gäste aus New Orleans die Geburtsstätte ihres Seligen. Sie wollen sehen, in welcher Umgebung er aufgewachsen ist.
Die Füssener selbst verehren ihn „im Stillen“, wie Diakon Hofmann sagt. „Leute kommen, verweilen und gehen wieder.“ Nur an seinem Todestag, dem 4. Oktober, wird jedes Jahr ein eigener Gottesdienst gefeiert.
Bilder © Paul Schwartz
Links auf dem Reliquienschrein in New Orleans ist dargestellt, wie Franz Xaver
Seelos seine Heimat verlässt (im Hintergrund St. Mang Kirche), um mit
den Auswanderern auf das Schiff nach Amerika zu warten.
 
Verfasser: Pater Josef Steinle, Redemptorist
Entnommen aus: Briefe an unsere Freunde, August 2017

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